Museum Folkwang
  • Zeichnung des 19. Jahrhunderts – Komponierte Wirklichkeit um 1800

  • Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden in zunehmendem Maße Zeichnungen, die eine geographisch fassbare landschaftliche Situation wiedergeben. So durchstreifte der Schweizer Künstler Adrian Zingg, der seit 1766 an der Dresdner Kunstakademie tätig war, immer wieder die damals noch gänzlich unerschlossene Sächsische Schweiz nahe Dresden, um zu zeichnen. Auch andernorts schuf Zingg Blätter direkt in der Natur, worauf er mit dem Vermerk »delineavit ad naturam« (gezeichnet nach der Natur) ausdrücklich hinwies, etwa auf den Tuschzeichnungen ›Felsblöcke am Wasser‹ oder ›Landschaft mit Kühen und einem Kloster‹ von 1786 und 1789.

    Die verstärkte Hinwendung zur gesehenen Landschaft bedeutete aber nicht, dass auf die Anwendung überkommener Darstellungs- und Kompositionsprinzipien verzichtet wurde. Solche Regeln und Methoden vermittelte Adrian Zingg in den 1808 erschienenen ›Anfangsgründen für Landschaftszeichner‹, bei denen es sich um eine Folge von radierten Musterblättern handelt, die dem Anfänger als Vorbild dienen sollten – von Detailstudien einzelner Gräser und Blätter über die Kombination unterschiedlicher Pflanzen bis hin zu vollständigen Bildkompositionen.

    Indem Zingg die Lernenden ausdrücklich ermunterte, zunächst nach seinen Musterblättern, und erst dann nach der Natur zu zeichnen, prägte er jungen Künstlern seine eigene stilistische Haltung auf, was der junge Ludwig Richter, der Zinggs Schüler an der Dresdner Kunstakademie war, kritisierte: »Wir lagen in den Banden einer todten Manier, wie alle Zinggianer, waren in einen Wust von Regeln und stereotypen Formen und Formeln dermaßen eingeschult, daß ein lebendiges Naturgefühl, die wahre, einfache Anschauung und Auffassung der Dinge sich gar nicht regen, wenigstens nicht zum Ausdruck kommen konnte.«

    Gerade die topographischen Ansichten Adrian Zinggs sind geprägt von dieser Ambivalenz zwischen Naturnähe und Detailgetreue einerseits und der Befolgung klassischer Kompositionsprinzipien andererseits. So weist die Ansicht von ›Schloss Pillnitz‹ ungeachtet ihrer präzisen Schilderung des Schlosses am anderen Elbufer einen klassischen Bildaufbau auf, indem der Vordergrund von einem verschatteten, asymmetrischen Repoussoir bestimmt wird, den rasch eine helleren Zone ablöst, die wiederum in einen verschatteten Bereich überleitet. Ein solcher Wechsel von hellen und dunklen Zonen war das Mittel der Wahl, um einen Eindruck großer räumlicher Tiefe zu erwecken. Auch kann die malerische Vegetation im Vordergrund nicht verleugnen, dass sie nicht der konkreten Anschauung entspringt, sondern Darstellungsschemata folgt, wie sie Zingg selbst in den ›Anfangsgründen für Landschaftszeichner‹ verbildlicht hat. Vergleichbares gilt für die ›Ansicht von St. Blasien im Schwarzwald‹ oder die ›Landschaft mit Kühen und einem Kloster‹.

    Auch Jakob Philipp Hackerts im Jahr 1800 entstandene, großformatige Sepiazeichnung ›Die Franziskushöhle‹ im Monte Verna in den Etruskischen Apennin, die einem Gemälde Hackerts aus der Sammlung des Museum Folkwang als Vorlage diente, zeichnet sich durch ein solches Nebeneinander von naturgetreuer Schilderung und künstlerischer Überformung aus, nimmt man etwa den malerisch wilden Baumbestand oberhalb der Höhle in Blick. Eine ähnliche, die reale Situation künstlerisch überhöhende Monumentalität prägt Caspar David Friedrichs gleichzeitig entstandene Sepiazeichnung des ›Felsentors im Uttewalder Grund‹, wobei Friedrich vor allem die Lichtkontraste zwischen dem Dunkel der tief eingeschnittenen Schlucht einerseits und der Helligkeit der oberen, von der Sonne beschienenen Bildpartien andererseits als wesentliches Kompositionsprinzip einsetzt.
  • Exh_Title_S: Zeichnung des 19. Jahrhunderts – Komponierte Wirklichkeit um 1800
  • Exh_Id: 100'614
  • Exh_Comment_S (Verantw): Grafische Sammlung
  • Exh_SpareNField01_N (Verantw ID): 186
Werke
Landschaft mit Kühen und einem Kloster
Schloss Pillnitz
Ansicht von St. Blasien im Schwarzwald
Die Franziskushöhle
Das Felsentor im Uttewalder Grund
Schloß und Dorf Stoessitz
Gartenseite von Schloss Stoessitz
Felsblöcke am Wasser