Museum Folkwang
  • Chronologische Einblicke in die Fotografische Sammlung – Die Frühzeit der Fotografie

  • Inkunabeln

    Otto Steinert, seit 1959 Lehrer für Fotografie an der Folkwang-Schule, hatte anlässlich seiner Berufung mit der Stadt Essen die Vereinbarung getroffen, eine Studiensammlung für den Unterricht aufzubauen. Diese Sammlung wurde 1979 als Fotografische Sammlung unter Leitung von Ute Eskildsen Teil des Museum Folkwang. Schon 1961 bot sich eine einzigartige Möglichkeit, die gerade erst begonnene Sammlung mit einem Schlag um zahlreiche Inkunabeln der Fotografie zu bereichern. Damals fand in Genf eine der ersten großen Versteigerungen von ›Photographica‹ statt, und Steinert ersteigerte mit Unterstützung der Stadt Essen insgesamt 369 Werke.
    Zu diesem Konvolut gehörten beispielsweise 144 Porträts von David Octavius Hill und Robert Adamson aus den frühen 1840er Jahren, großformatige Architekturfotografien der frühen 1850er Jahre von Edouard Denis Baldus (45 Bilder) und Henri Le Secq (25 Bilder) sowie 26 Architekturaufnahmen von den Gebrüdern Louis-Auguste und Auguste-Rosalie Bisson vom Ende der 1850er Jahre.
    Herausragend sind auch die beiden Fotografien von Jean-Baptiste Gustave Le Gray, ›Marine, Grande Vague, Sète‹ (1856), und Julia Margaret Cameron ›Sir John Frederick William Herschel, Baronet, Collingswood‹ (7. April 1867). Kurz darauf konnte Otto Steinert zudem fünf Werke von William Fox Talbot, einem der Erfinder der Fotografie, für die Sammlung erwerben.


    William Henry Fox Talbot – Zeichnen mit Licht

    Im Gegensatz zu der anfänglich sehr populären Daguerreotypie, einem Unikatverfahren auf Metall mit eindrucksvollem Detailreichtum, erlaubte Talbots 1841 zum Patent angemeldetes Verfahren auf Papier das Herstellen eines Negatives von dem eine Vielzahl an Positiven entstehen konnte.
    Die ersten Bilder auf lichtempfindlichem Material entstanden bereits Anfang der 1820er Jahre. Das Licht schwärzte das empfindliche Material und ›zeichnete‹ so während einer Stunde ein negatives Abbild. Es war ohne weiteren Prozess sofort sichtbar, jedoch konnte die Fotografie immer nur für kurze Zeit bei Licht betrachtet werden, da sie sich sonst weiter schwärzte. Mit der Entdeckung des latenten Bildes reduzierten sich die Belichtungszeiten auf wenige Sekunden. Das Bild, zunächst unsichtbar, erschien anschließend ohne weiteres Zutun vor dem staunenden Blick des Betrachters.
    Doch erst mit der Entdeckung eines chemischen Verfahrens, die Bilder zu fixieren, war die Erfindung der Fotografie abgeschlossen. Die Bilder konnten dauerhaft bei Licht betrachtet werden, ohne dass sie sich dadurch veränderten.
    Talbot begann mit einfachen Versuchen, die er ›photogenic drawings‹, durch Licht erzeugte Zeichnungen nannte. Dabei belichtete er lichtdurchlässige Objekte direkt auf dem Papier. Sobald es dank kürzerer Belichtungszeiten möglich wurde, fotografierte er seine Umgebung, die Familie und seinen Freundeskreis. Fünf solcher Abzüge befinden sich in der Fotografischen Sammlung.
    Während der französische Staat Daguerres Erfindung dem Volk zur freien Verwendung übergab, fand die Talbotypie, später Kalotypie genannt, obwohl zukunftsträchtiger, in England kaum Beachtung. Verbittert meldete Talbot sein Verfahren zum Patent an und verfolgte jeden, der es widerrechtlich anwendete. Dieses Verhalten und die anfängliche Defizite des Papiernegatives hinsichtlich der Bildschärfe bremsten die Verbreitung seines Verfahrens.


    David Octavius Hill / Robert Adamson – Die Kalotypie

    Die Verbesserung der Bildschärfe in der Kalotypie führte Mitte des 19. Jahrhunderts in England und Frankreich zu einer ersten Blütezeit dieses Verfahrens.
    Ein eindrucksvolles Beispiel ist die knapp fünf Jahre dauernde Zusammenarbeit zwischen dem Maler David Octavius Hill und dem Fotografen Robert Adamson. Es entstand ein Porträtwerk von außergewöhnlicher Qualität. Adamson besaß die handwerklichen Fähigkeiten im Umgang mit der fotografischen Technik und Hill über-nahm die kompositorische Arbeit.
    Für das Historiengemälde ›The Signing of the Deed of Demission, 1843‹ (1844–66), der Gründungsversammlung der Schottischen Freikirche griff Hill statt zum Skizzenblock zur Kamera und porträtierte zusammen mit dem Fotografen Robert Adamson jeder der 470 im Gemälde darzustellenden Personen. In einem ›Freilichtatelier‹ und mit Belichtungszeiten von wenigen Sekunden aufgenommen, zählen die Porträts zu den überragenden Meisterleistungen aus der Frühzeit der Fotografie. Das Gemälde hingegen blieb ein Kuriosum der Kunstgeschichte. Otto Steinert konnte 144 dieser Kalotypien ersteigern.


    Von Baldus zu Atget – Dokumentation als Mission

    Die französische ›Commission des Monuments historiques‹, die erste staatliche Behörde für Denkmalpflege, erkannte die Vorteile des neuen Hilfsmittels Fotografie für eine präzise Beschreibung römischer und mittelalterlicher Bauten, die durch Verfall und Vandalismus immer mehr zerstört wurden. Sie beauftragte 1851 fünf Fotografen, den Zustand der wichtigsten Monumente in ganz Frankreich zu dokumentieren. Die Zusammenarbeit zwischen der Kommission, den Architekten und den Fotografen war ein Erfolg. Einige Fotografen spezialisierten sich auf Architektur, um mit verbesserter Technik, wie Glasnegativ und Großformat, die Fotografien an Architekten, Maler, Sammler und Bibliotheken zu verkaufen.
    Hier sind vor allem Edouard Denis Baldus und Henri Le Secq zu nennen. Baldus ist mit 45 und Le Secq mit 25 Fotografien in unserer Sammlung vertreten. Baldus schuf wirkungsvoll ins Licht gesetzte, Aufnahmen von vielgliedrigen Fassaden und Bilder von in ihrer Umgebung eingebetteten Monumenten; Henri Le Secq konzentrierte sich auf die Bauplastik und Architekturdenkmäler, deren steinerne Figuren er gleichsam als Menschen aus Fleisch und Blut zu porträtieren suchte.
    Das Projekt wurde später ›La Mission héliographique‹ genannt. Die lange verschollen geglaubten Bilder konnten erst 1980 identifiziert werden. Erste Überlegungen dazu publizierte André Jammes 1966 in einem Katalog des Museum Folkwang über „Die Kalotypie in Frankreich“.
    Unabhängig von den Aufträgen der Kommission fanden andere Fotografen zum Genre Architektur. Die Gebrüder Louis-Auguste und Auguste-Rosalie Bisson dokumentierten die Restaurierung der Notre Dame in Paris. Der Architekt Viollet le Duc publizierte 1860 seine umstrittene Restaurierung mit Plänen, Zeichnungen und zwölf dieser Fotografien. Von beiden Fotografen befinden sich 34 Fotografien in der Sammlung.
    Die Anlage breiter Boulevards im Auftrag des Präfekten Georges-Eugène Baron Haussmann in den 1860er veränderte das Pariser Stadtbild. Die Kommission beauftragte Jean-Eugène Durand und Séraphin Médéric Mieusement, die zum Abriss bestimmten Stadtpalais vor ihrer Zerstörung zu dokumentieren. Von den beiden Fotografen sind 9 und 26 Aufnahmen in der Sammlung.
    Der Maler und Vorlagenfotograf Eugène Atget führte diese Tradition ab 1897 und bis in die 1920er Jahre fort. Er hielt die durch weitere Modernisierungsmaßnahmen im Verschwinden begriffenen alten Stadteile fotografisch fest. Das Museum Folkwang besitzt fünf seiner Fotografien.
  • Exh_Title_S: Chronologische Einblicke in die Fotografische Sammlung – Die Frühzeit der Fotografie
  • Exh_Id: 100'491
  • Exh_Comment_S (Verantw): Fotografische Sammlung
  • Exh_SpareNField01_N (Verantw ID): 184
Werke
Lace
o. T. (The Bridge of Sights, St. John's College)
William Borthwick, Jonestone, Landscape and History painter, first curator of the National-Gallery Scotland
Henry Reeve, Editor
W. Robertson, Subeditor of "the witness" newspaper
Façade du Château de Blois
Palais de justice de Rouen
Abbatiale Saint-Ouen, Rouen
o.T. (Skulpturen an der Kathedrale von Reims)
o.T. (Skulpturen an der Nordfassade der Kathedrale von Reims)
o. T. (Venedig, Markusplatz, Bronzesockel des mittleren Fahnenmastes von San Marco)
Seine und Louvre, aufgenommen vom Pont Neuf, Paris
»Cour, 15 rue de la Bûcherie, Paris«
Ensemble de la façade de l'ancien Hôtel Montholon, 79, rue du Temple, Paris
Cour de Philippe Auguste, rue Etienne Marcel, Paris
Hôtel Colbert, Paris
Hôtel Colbert, Paris
Cabaut, Rue Caumartin, 9e.arr., Paris